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Welche Krise?

von Wolfgang Pekny mit Ergänzungen von Günter Hager-Madun


Krise, Krise schallt es aus den Kanzlerämtern, Konzern-Zentralen und von den Titelblättern der Boulevard- und Fachpresse gleichermaßen. Hat ein Mega-Hurrikan unsere lebenserhaltende Basis vernichtet, hat ein Asteroid die Erde getroffen, haben zerplatzte AKWs tödliche Radioaktivität freigesetzt? Weit gefehlt. Im Einstürzen ist nur ein Gedankengebäude: Die irrwitzige Vorstellung vom ewigen Wachstum. Ein globales Pyramidenspiel geht zu Ende. Über Albanien hatten wir noch gelacht.


Vor uns liegt das Ende eines Irrtums. Aber nicht das Ende der Welt.


Auch am Tag nach dem Kollaps der Wallstreet werden die Kühe gleich viel Milch geben, die Bäume werden weiter wachsen, aus den Quellen wird Wasser sprudeln und die Sonne wird uns ein Vieltausendfaches unseres Energie-Verbrauchs spenden.


Trotz dieser erfreulichen Aussichten agieren die „führenden Köpfe“ ratlos, greifen zurück auf gestrige Methoden, die das eigentliche Problem nur weiter verschlimmern. Leider ist aus der letzten großen Finanzkrise in den 30er Jahren nur eine „erfolgreiche“ Maßnahme bekannt: Rüstung, Krieg und Zerstörung. Da konnte man wieder schaffen, bauen, wach-sen, die Nachfrage war riesig - und die Gedankenwelt der Wachstums-Ökonomie heil.


Will man diese Option ausschließen, dann stehen wir am Ende der ökonomischen Lehrbücher, erleben das Ende einer ganzen Zunft. Allein in New York stehen zehntausende „Finanzarbeiter“ auf der Straße, eine Heerschar von ExpertInnen, die keinen Nagel gerade einschlagen können, die aber mit Mausklicks Milliarden verschoben hatten, die Vermögen angehäuft hatten, ohne irgend einen realen Wert zu schaffen.


Wie konnte das bisher geduldet werden? Basierend auf der nie bewiesenen „unsichtbaren Hand“ des Adam Smith hatte der Österreicher Friedrich August von Hayek und die klugen Köpfe der Chicago-School ein in sich konsistentes Gedankengebäude aufgebaut: Die neoliberale Weltwirtschaft. Sie versprach den „Tüchtigen“ große Gewinne, so überzeugend, dass die Herren dafür reihenweise Wirtschaftsnobelpreise kassieren durften. Die reale Welt, die so gar nicht zur Theorie passte, wurde mit eifrigen Handlanger-Diensten der Politik passend gemacht:


Schon in den 70ern wurde Geld systematisch von realen Werten entkoppelt und die Märkte durch unsymmetrische, oft gewaltsame Globalisierung ausgeweitet. Als auch das nicht reichte, wurden durch sogenannte Finanz-Innovationen, „Derivaten“, Geld zur wichtigsten Ware gemacht. Die systematische Umverteilung von Vermögen von den Kleinen zu den Großen wurde zum Prinzip erhoben, Geiz und Gier wurden zu Erfolgsstrategien. Endlich hatte man „Produkte“ erfunden, die unendlich wachsen konnten.


Oder doch nicht? Innerhalb von nur zwanzig Monaten wurden die Weisheiten dutzender Nobelpreis-Träger ganz offiziell zu „Dummheiten“ erklärt. Dabei war die Theorie schlüssig, genau wie ein tausend Seiten dickes Lehrbuch über Bridge. Aber wie dieses ist sie unbrauchbar, wenn es darum geht, ein anderes Spiel zu spielen. Ein Bridgebuch wird nicht falsch, aber völlig wertlos, wenn man Tarock spielen will, oder Bauernschnapsen.


In Zukunft wird es darum gehen, ein neues „Wirtschafts-Spiel“ zu spielen, mit ganz anderen Zielen und entsprechend anderen Regeln.


Den Schwarzen Peter nun aber ausschließlich den Akteuren des „Finanzmarktes“ zuzuschieben greift trotzdem zu kurz. Tatsächlich haben von dem Pyramidenspiel nicht nur die Mächtigen und Super-Reichen profitiert. Auch die Mehrzahl der BewohnerInnen der OECD Staaten ist lange Zeit trefflich damit gefahren. Die USA, und die reichen Länder haben für Jahrzehnte über die Verhältnisse gelebt, auf Kosten anderer, auf Kosten der Natur und auf Kosten der Zukunft. Es war ein Pyramidenspiel, eine leichtsinnige Party, ohne Gedanken an das Morgen.


Nun ist die Party vorbei. Finanz-, Wirtschafts-, Wasser-, Öl-, Auto-, Hunger- und weitere Krisen sind der Kater am „Morgen danach“. Alle diese Krisen sind Symptome des gleichen Phänomens: Der Planet Erde ist für die Art und Weise, wie wir leben, zu klein geworden.


Sieben Milliarden Menschen können im „Raumschiff Erde“ nicht mit Party-Regeln überleben. Diese Begrenzung ist tatsächlich neu in der Geschichte der Menschheit und löst Verunsicherung aus. Zwar waren auch schon früher die Osterinseln oder Irland zu klein, und auch Europa war zu eng geworden, aber immer gab es neue Kontinente zum Ausbreiten. Nun steht die Menschheit vor einer historisch einmaligen Situation: Es gibt keinen Platz mehr zum Auswandern.


Tatsache ist, dass die Menschheit als Ganzes über die Verhältnisse lebt. Berechnungen des Ökologischen Fußabdruckes für das Jahr 2008 zeigen, dass die Menschheit bereits jetzt 1,4 Planeten in Anspruch nimmt, hauptsächlich durch den verschwenderischen Konsum der „Global Consumer Class“, zu der nur etwa ein Viertel der Menschheit zu zählen ist. Zugleich leben drei Viertel der Menschheit nach wie vor in Armut und Elend. Ein wahrlich obszönes Missverhältnis. Bald eine Milliarde Menschen gelten laut WHO als kritisch unterernährt und zugleich ist Fettsucht im reichen Viertel bereits eine Volksseuche. Die Ausgaben für Abmagerungskuren und Schlankheitspillen übersteigen längst die Mittel der Welt-Hungerhilfe.


Die unterprivilegierte Mehrheit der Menschheit wünscht sich mehr Wasser, mehr Energie und mehr Güter - und hat alles Recht dazu. Würden allerdings alle Menschen so verschwenderisch leben wollen wie wir in Europa, so bedürfte es fast drei Planeten von der Qualität der Erde. Die kann es nicht geben und wird es nicht geben, darüber kann kein Konjunkturpaket hinwegtäuschen.


Ein genereller Kurswechsel wäre also jedenfalls unvermeidlich gewesen, auch ohne den Clash des Finanzsystems und der Profitgier der Finanzmarktakteure.


Das wahre Problem: Wirtschaft und Politik sind noch denkbar schlecht aufgestellt, um mit diesen unausweichlichen Entwicklungen umzugehen. Was die Ökonomen überfordert, ist nichts anderes als das überfällige Beugen der Wachstumskurven, weg vom exponentiellen Wachstum hin zur Sättigung des Systems. Genau wie jedes Kind nach einer Phase des Wachstums aufhört, weiter zu wachsen und jeder Baum seine ideale Größe findet, ohne unter der eigenen Last zusammen zu brechen, ist das ein natürlicher Prozess, höchst sinnvoll und in einer begrenzten Welt auch überlebensnotwendig.


Vieles darf und soll natürlich weiter wachsen. Bildung, Weisheit, Zufriedenheit, Zeit zum Leben, Freunde und Freude. Doch all das gilt der Ökonomie als wertlos, „Stagnation“ wird als unerträglicher Stillstand empfunden. In der zinsgetriebenen Geldwirtschaft des profitorientierten Kapitalismus bleibt das Ende des Wachstums undenkbar. Deswegen muss das Ende dieses Systems denkbar werden.


Noch werden allerdings Schulden mit weiteren Schulden bekämpft. Billionen werden weiter in die falschen Strukturen und in die falschen Industrien gesteckt. Sogar sinnloser Konsum wird weiterhin gestützt. Das ist, als würde man Feuer mit großen Holzscheiten löschen. Für eine Weile verschwinden die Flammen tatsächlich unter dem Holz. In Wahrheit ist dies gefährliche Konkursverschleppung.


Langsam sollte erkannt werden, dass in einer begrenzten Welt der Exportüberschuss des einen immer das Handelsdefizit eines anderen ist, der umjubelte Profit der Starken all zu oft auf Kosten des Überlebens der Schwachen geht. Auch wird deutlich, dass Wohlstandsgefälle und Ungerechtigkeit immer nur mit struktureller Gewalt aufrecht zu erhalten sind. Während bei denen, die mehr als satt sind, über „Einbrüche“ von 5% lamentiert wird, ist Sub-Sahara-Afrika bereits jetzt mit Rückgängen von 20% und mehr konfrontiert. Gerade jene, die Wachstum – auch klassisches – am dringendsten nötig hätten, sind also die größten Verlierer - durchaus systemkonform.


Je früher eingestanden wird, dass mit dem bestehendem Instrumentarium keine dauerhaft positiven Wirkungen zu erzielen sind, desto geringer werden die zusätzlichen Reparatur-Kosten anfallen. Selbst die unleugbar positiven Wirkungen eines „Green New Deal“, massive Investitionen in erneuerbare Energien, hätte nur eine aufschiebende Wirkung.


Vielleicht greifen die Finanzspritzen tatsächlich für einige Zeit. Da aber die Industrie mehr denn je auf der Lohnbremse steht, wird es aufgrund der fehlenden Binnennachfrage zum Schaden aller nicht zu der angestrebten Erholung der Wirtschaft kommen. Obendrein werden die staatlichen Finanzspritzen nicht in Form von zukunftsfähigen Beteiligungen gewährt, um damit den für eine gerechte Verteilung unverzichtbaren demokratischen Einfluss auf Banken und Industrie zu sichern, sondern versuchen Politik und Wirtschaft so schnell wie möglich zum business as usual zurückzukehren und damit das Wohl der Menschen weiterhin der Willkür der Unternehmen auszuliefern.


Die Finanzmarktakteure werden kurzfristig nochmals obszöne Gewinnen machen, aber es wird rasch wieder zu steigenden Energie-, und Rohstoffpreise kommen, mit verschärften Wasser-, Klima- und Nahrungs-Krisen, die vor allem die Ärmsten am härtesten Treffen werden. In Ermangelung einer grundsätzlichen Umgestaltung der Erwerbsarbeit wird die Arbeitslosigkeit weiter zunehmen. Das wird sich zwar positiv aufs Klima auswirken, aber wohl kaum auf die Heerscharen der Einkommenslosen. Die damit verbundene Fortsetzung der Umverteilung von unten nach oben droht zu einer verstärkten sozialen und politischen Destabilisierung zu führen, die für einen erfolgreichen gemeinsamen Weg in eine lebenswerte Zukunft höchst abträglich ist.


Zukunftsfähige Antworten schauen anders aus: Grundsätzliches Umdenken. Faire Teilhabe aller. An Arbeit, Ressourcen und Wertschöpfung und an den Geschenken, die unser Planet – noch – für uns bereit hält .


Eine vom Wachstumsvirus geheilte Gesellschaft ist kein Wunschtraum alternder Philosophen. Sie ist eine notwendige, wenngleich nicht hinreichende Voraussetzung für Fairness und Frieden. Die Welt bietet genug für Alle, aber nicht genug für die Gier Einiger“ hatte Mahatma Gandhi schon in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts konstatiert. Zu gleicher Zeit hatte auch US Präsident Franklin D. Roosevelt aufgezeigt, wie es weitergehen sollte: Der wahre Test für unseren Fortschritt besteht nicht darin, ob wir den Reichen zu noch mehr Wohlstand verhelfen können, sondern ob wir die Armen mit dem Notwendigen ausstatten können.“ Wobei das zwar wie ein Appell an die Moral klingt, aber in Wirklichkeit ein Appell an die Vernunft ist: Nur wenn das Erwirtschaftete allen zu gute kommt, kann jene Nachfrage entstehen, die Voraussetzung für eine prosperierende Wirtschaft ist.


Genau darin hat das System der neoliberalen Weltwirtschaft mit seiner kurzsichtigen und zerstörerischen Verwertungslogik gründlich versagt. Dieses Scheitern haben die Verantwortlichen zu verschleiern versucht.


So sehr es nachvollziehbar ist, dass Politik und Gewerkschaften um jeden Preis Arbeitsplätze sichern wollen, so einsichtig ist es für jedes Kind, dass Maßnahmen wie die unselige Verschrottungsprämie eine Sackgasse sind, weil sie zur Prolongation von Technologien führt, denen die ökologische Bedrohung unseres Planeten geschuldet ist.


Die Gefahr der Krise ist, dass wir in unserer Verunsicherung den manipulativen Argumenten der Profiteure des gescheiterten Systems auf den Leim gehen und die Chance verpassen, das Scheitern zu nützen, um gemeinsam die Weichen zu einer solidarischen und zukunftsfähigen Weltgesellschaft zu stellen.


Dazu brauchen wir keine Broker, keine „Asset Backed Securities“, wir brauchen keine hegemoniegenerierende Leitwährung und kein ewiges Wachstum. Aber wir müssen – wie das Bertrand Russel schon vor Jahrzehnten prägnant formulierte - bereit sein, in unser eigenes Überleben einzuwilligen. Dann ist ein im Gleichgewicht befindliches Wirtschafts-System möglich. Ein Wirtschaften, ausgerichtet auf das Erfüllen der wahren Bedürfnisse der Menschen braucht keine Bedürfnisse zu erschaffen und auch keinen Wachstumszwang des Geldvermögens zu befriedigen.


Dieser fundamentale Richtungswechsel wird allerdings nicht möglich sein, ohne dass jene, die bereits mehr haben als ihnen zusteht, etwas davon hergeben. Dazu wird es einer klug durchgeführten, demokratisch legitimierten Vergesellschaftung von Großvermögensteilen bedürfen. In Südafrika konnte das nach dem Ende des Apartheitsregimes dadurch erfolgreich durchgeführt werden, dass ein relativ großzügig bemessener Sockelbetrag von der Vergesellschaftung unberührt blieb.


Damit sich die Menschen im Kampf um die guten Plätze im Raumschiff Erde nicht die Schädel einschlagen, werden wir aber auch einen neuen globalen Gesellschaftsvertrag brauchen, der ein faires Miteinander auf dem eng gewordenen Planeten regelt. In Anbetracht der unverfroren verfolgten geopolitischen Ansprüche der Weltmächte werden wir mit diesem Ansinnen aber nur dann erfolgreich sein, wenn sich durch einen empathischen Dialog zwischen den Völkern eine globale Solidarität entwickelt, die biologische und kulturelle Diversität wertschätzt, gemeinsame Regeln für die „Global Commons“ und „Globale Soziale Rechte“ vorsieht und höchstmögliche lokale Selbstständigkeit fördert.


Als die Privilegierten dieser Welt, die ihre Privilegierung - so ungern wir das naturgemäß hören – in einem hohem Maße der Ausbeutung der Unterprivilegierten verdanken, sind wir gefordert, diesen Prozess mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln im Bewußtsein unserer beschränkten Möglichkeiten unverzagt voranzutreiben.Und mit der Kraft der menschlichen Erfindungsgabe und unter Nutzung aller sozialen Innovationsfähigkeit die Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft und eines lebensfreundlichen globalen Wirtschaftssystems zu fördern, auf dass es sich auf dieser Welt gut und in Frieden leben lässt - untereinander und mit der Natur.

Kontakt: www.footprint.at

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